19.09. Cape Wrath Trail Tag 14 von Kinlochbervie zur Sandwood Bay

 19.09. Cape Wrath Trail Tag 14 von Kinlochbervie zur Sandwood Bay


Heute geht es also zur legendären Sandwood Bay. Für viele soll es der schönste Sandstrand in ganz Grossbritannien sein. Wer noch nie hier war und sich die Überraschung bewahren will, diese Bucht zum allerersten Mal mit eigenen Augen nach einer langen Wanderung zu sehen, der überspringt jetzt bitte mein Video!


Da ich kurz vor meinem Trip den Dokumentarfilm „The North“ von Bart Schrijver im Kino gesehen hatte, wusste ich schon ziemlich genau, was mich dort erwartet. Der Film handelt von zwei ehemaligen besten Freunden, die sich nach zehn Jahren Funkstille wieder annähern und gemeinsam erst den West Highland Way und im Anschluss den Cape Wrath Trail wandern. Für mich war das damals eine riesige Überraschung: Ich sass im Kinosessel und durfte meinen kompletten bevorstehenden Weg vorab bei einer grossen Tüte Popcorn auf der Leinwand ablaufen.

Aber eben: Jede Tour ist einmalig. Und obwohl diese zwei Jungs und viele andere vor und nach mir auf dem exakt gleichen Pfad zum Cape Wrath laufen – es ist und wird niemals genau so sein, wie ich es erlebe. Und das ist ja das geniale an so einem Trail! Man muss ihn mit all seinen Facetten ganz allein durchfühlen. Die absolute Einsamkeit der Natur, ihre raue Schönheit, ein Tag voller Dauerregen und Kälte und die pure Freude, wenn dann endlich wieder mal die Sonne rauskommt und einen riesigen Regenbogen an den Himmel hängt. Das alles kann ich hier gar nicht in Worte fassen. Das Beste ist: Ihr erlebt es einfach selbst und macht euch auf den Weg!
Kein Kaffee, dafür vier Tafeln „Schoggi“

Bis zur Bucht sind es heute nur entspannte 14 Kilometer. Ich musste also überhaupt nicht hetzen. Da mich am Strassenrand schon mehrere Werbeschilder auf das „Worth a Look“-Café aufmerksam gemacht hatten, verzichtete ich morgens sogar auf meinen Nescafe. Ich packte meine sieben Sachen und lief rasch zum Hafen von Kinlochbervie, wo ich im Café eine gemütliche Pause einlegen wollte.
Dumm nur, dass der Laden erst um 11:00 Uhr öffnet. Somit war er für mich leider absolut nicht „worth a look“. Aber immerhin machte der Spar-Laden bereits um neun Uhr auf. Hier konnte ich wenigstens meinen Schokoladenvorrat wieder auf sein Thru-Hiker-Soll von mindestens vier Tafeln für die letzten zwei Tage aufstocken.
Danach ging es der Strasse entlang bis nach Blairmore. Ab hier bringt einen ein hervorragend ausgebauter Weg direkt zur Sandwood Bay.

Kilometer-Addieren versus  Erinnerung-Sammlen
Unterwegs kamen mir zwei deutsche Touristen entgegen. Sie hielten mich an und warnten mich, dass da vorne ein ziemlich tiefer Bach den Weg zur Sandwood Bay komplett unpassierbar mache. Ich schaute sie an und antwortete nur: „He, ich bin jetzt von Milngavie bei Glasgow bis hierher alles zu Fuss gelaufen. Den Fluss möchte ich sehen, der mich jetzt noch stoppen kann, I'm on a mission! morgen geht es definitiv zum Cape Wrath  und umdrehen ist keine Option!“
Sie wollten natürlich sofort wissen, wie viele Tage ich schon unterwegs sei und wie viele Kilometer ich in den Beinen hätte. Ich gab ihnen die Antwort, die ich bei diesen Fragen eigentlich immer gebe: „Keine Ahnung!“
Die Tage könnte ich ja noch im Kopf zusammenrechnen: Gestartet bin ich am 29. August. Dann habe ich zusammen mit Jonathan den West Highland Way in sechs Tagen abgelaufen. Danach folgte ein Tag auf dem Ben Nevis, ein Tag in Fort William mit Lebensmitteleinkäufen und einem sehr langen Aufenthalt im Pub Ben Nevis – und ab da ging es jeden Tag stur weiter nach Norden, bis ich eben hier gelandet bin. Aber wie viele Kilometer das unterm Strich sind? Keine Ahnung! Mir ging es auf dieser Reise ja nie darum, stumpf Kilometer zu addieren, sondern Erinnerungen zu sammeln. Und von denen habe ich mittlerweile einen gigantischen Haufen im Gepäck.

Am Ziel der Träume
Schliesslich wurde es Zeit, sich diesen „ziemlich tiefen, unpassierbaren Bach“ anzuschauen, der mich von meinem Tagesziel abhalten wollte. Ich stand an der Kante, machte einen einzigen grossen Hüpfer, stand trocken auf der anderen Seite und grinste. Danach waren es nur noch wenige Kilometer bis zur traumhaften Sandwood Bay.
Als ich ankam, ging ich natürlich schnurstracks direkt an den Strand. Diesmal war es mir auch völlig egal, ob ich nasse Füsse kriege – ich lief einfach direkt rein ins Meer! Die tosende Brandung des Atlantiks und dieser riesige, menschenleere Sandstrand... Was für ein unbeschreibliches Glück, das erleben zu dürfen. Mir fehlen echt die Worte, es ist einfach nur traumhaft. Hinter den Dünen entdeckte ich schliesslich einen grandiosen Zeltplatz mit freiem Blick auf das offene Meer. Und ganz weit hinten am Horizont, winzig klein, konnte ich sogar schon die weisse Spitze des Leuchtturms vom Cape Wrath ausmachen. Das Ziel ist zum Greifen nah!


Ich baute schnell das Zelt auf und verstaute meine Ausrüstung im Inneren. Mit leichtem Rucksack ging es am Nachmittag noch rüber zum „Schäfer“ – der markanten Felsnadel Am Buachaille Sea Stack, die mit ihren 65 Metern spektakulär aus dem Atlantik ragt.
Seit Ullapool trage ich eine kleine, feine Flasche Whisky mit mir herum. Heute war exakt der richtige Zeitpunkt gekommen, um sie endlich zu öffnen. Ich goss mir ein grosses Glas ein und genoss, völlig geflasht von den Eindrücken und der gewaltigen Kulisse, meinen letzten Abend auf dem Trail.







Am Abend schaue ich nochmals aus dem Zelt heraus und sehe immer wieder das rhythmische Blitzen des Leuchtturms am Horizont. Wie weit es wohl Luftlinie bis dorthin ist? Weit kann es nicht sein, dachte ich mir, mal schauen, ob ich das herausfinde. 
Die Linse des Leuchtturmfeuers dreht sich genau zweimal pro Minute – alle 30 Sekunden blitzt es also exakt vor mir auf. Und wie wir ja alle wissen, ist die Distanz nichts anderes als Lichtgeschwindigkeit mal Zeit! Da das Licht bekanntlich rund 300'000 Kilometer pro Sekunde zurücklegt und ich genau 35 Mikrosekunden später vom Strahl geblendet werde, kann ich mathematisch präzise ausrechnen, wie weit es Luftlinie bis zum Cape Wrath ist: 
Der Leuchtturm liegt exakt 10,5 Kilometer Luftlinie vor mir!



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